Die Geschichte von Gerber Architekten ist von Beginn an mit Wettbewerbserfolgen verknüpft, die einer ganzheitlichen Herangehensweise folgen. „Bei Wettbewerben waren wir besonders erfolgreich, wenn Architektur und Landschaft eng miteinander verbunden waren. Die Landschaft ist nicht etwas, das man nachträglich hinzufügt.“, lautet das Credo von Prof. Eckhard Gerber (2.v.r.).
Dieser Ansatz ist bis heute entwurfsprägend und wird von interdisziplinären Teams für den nationalen und internationalen Markt entwickelt und umgesetzt. 250 Mitarbeiter*innen arbeiten vom Hauptsitz Dortmund aus sowie in Hamburg, Berlin, Münster, Düsseldorf, Riad und Shanghai an typologisch vielfältigen Projekten: Ob Büro- oder Hochhausbau, Kultur- oder Bildungsbauten, Instituts- oder Forschungsbau, Wohnungsbau oder Health Care – Innenarchitektur und Städtebau werden stets konzeptionell mitgedacht. Unter besonderer Berücksichtigung des Genius loci entstehen Orte, die Menschen berühren und ihre Sehnsüchte wecken. Diese integrale Arbeitsweise spiegelt die hohe Bedeutung der Baukultur bei Gerber Architekten wider.
Zum 60-jährigen Jubiläum im Dortmunder Baukunstarchiv folgen, nach einer Begrüßung durch Prof. Eckhard Gerber, Grußworte von: Alexander Kalouti (OB der Stadt Dortmund), Gabriele Willems (Geschäftsführerin des BLB NRW), Reiner Nagel (Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur), Katja Domschky (Präsidentin der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen) sowie Alexander Poetzsch (BDA-Präsident). Prof. Dr. Norbert Lammert (ehem. Präsident des Deutschen Bundestages) hält einen Festvortrag.

Anlässlich dieses Jubiläums durften wir Herrn Prof. Gerber befragen.

Sie haben 1966 mit zwei Personen in Meschede begonnen; heute arbeitet Gerber Architekten international mit rund 250 Mitarbeitenden. Was von der Haltung der „Werkgemeinschaft 66“ ist für Sie bis heute unverzichtbar geblieben, und was mussten Sie bewusst aufgeben, damit das Büro wachsen konnte?
Wir arbeiten heute sogar mit ca. 300 Mitarbeitenden in verschiedenen Ländern, vor allem in Saudi-Arabien und in China. Deutschland ist natürlich nach wie vor einer unserer Schwerpunkte. Was heute noch so ist wie zu Zeiten der Werkgemeinschaft 66, ist die konsequente Beteiligung an Wettbewerben – national und international.
Aufgeben musste ich das eigene Zeichnen und Mit-Zeichnen an unseren Wettbewerben und das Bauen von Modellen. Wenn ein Büro oder Unternehmen wächst, muss man wissen, dass sich – je nach Größenordnung – die Struktur ändern muss und damit auch die eigene Leitungstätigkeit. Ich musste nicht nur Dinge bewusst aufgeben, sondern es fielen mir auch viele neue Aufgaben zu – in der Gestaltfindung, aber auch bei den sich notwendigerweise ergebenden Veränderungen von Strukturen. Ein besonderes Privileg ist mir mehr und mehr zugewachsen durch die Möglichkeit der Zusammenarbeit mit unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, vielen begabten und interessierten Menschen, von deren Gedanken und Ideenansätze ich lerne und mich anregen lasse. Bis heute ist mir wichtig, mich an den Wettbewerben zu beteiligen und Gedanken und Ideen mit zu entwickeln und dann bei der Planung unserer Projekte dafür zu sorgen, dass die konzeptionelle Idee beibehalten und im Falle erforderlicher Änderungen noch bestärkt wird.

Leider ist durch die Möglichkeit, öffentliche Aufträge auch mit sogenannten VgV-Verfahren zu vergeben, das Wettbewerbswesen in Deutschland fast zum Erliegen gekommen.

Ihre Geschichte ist von Beginn an mit Wettbewerbserfolgen verbunden. Das Wettbewerbswesen hat sich allerdings stark verändert – zu Ungunsten unbekannter Büros. Gibt es trotzdem einen Rat, den Sie jungen Architektinnen und Architekten unter den erschwerten Bedingungen für Wettbewerbe heute geben können?
Ja – das Wettbewerbswesen hat sich wirklich verändert, und zwar dahingehend, dass es kaum noch Wettbewerbe gibt. Das ist ein Problem für die Baukultur in Deutschland! Leider ist durch die Möglichkeit, öffentliche Aufträge auch mit sogenannten VgV-Verfahren zu vergeben, das Wettbewerbswesen in Deutschland fast zum Erliegen gekommen.
Das ist auch für uns eine große Umstellung – und bei der Teilnahme an den wenigen Wettbewerben immer eine große Herausforderung. Damals, zu unseren Anfängen und noch lange weiter danach, schlugen wir die „wettbewerbe aktuell“ oder die „Bauwelt“ auf – da waren die Wettbewerbe ausgeschrieben und wir konnten uns die Unterlagen bestellen und direkt teilnehmen. Heute ist es erforderlich, sich um die Teilnahme an einem Wettbewerb zu bewerben. Für junge Architekten – wie wir, aber auch andere wie zum Beispiel gmp es damals waren – ist es heute nahezu unmöglich geworden, aus dem Stand ein neues Büro aufzubauen. Sie brauchen Referenzen, die sie nicht mitbringen. Jetzt den jungen Architektinnen und Architekten einen Rat zu geben, wie man trotz der erschwerten Bedingungen weiter über Wettbewerbe ein Büro aufbauen kann, da fehlt mir ein bisschen die Fantasie. Zumal es durch weniger Wettbewerbe eine höhere Teilnehmerzahl gibt – und je mehr Teilnehmer, umso größer die Konkurrenz und umso geringer die Aussicht auf Erfolg und einen ersten Preis. Da muss ein junges Büro sehr viel Kraft und Ausdauer haben – heute mehr als damals. Und vor allen Dingen auch etwas Gewinnglück, um sich zu behaupten. Das ist aber möglich bei Wettbewerben, zu denen Büros auch ohne die üblicherweise geforderten Referenzen zugelassen sind.
Die allgemeine Problematik für Architekten ist ja heute viel größer, weil immer mehr Projekte komplett oder zumindest schon nach Leistungsphase 4 in der weiteren Planung und dann auch in der Baudurchführung an Generalunternehmer vergeben werden. Die Forderung wäre erstens, dass alle Projekte der öffentlichen Hand wieder durch öffentliche Wettbewerbe vergeben werden, und zweitens, dass Bauleistungen im Wettbewerb der Leistungskosten, in Konkurrenz der Unternehmen vergeben werden.

Mit Projekten wie dem King Salman Park in Riad, dem Adem-Jashari-Memorial in Kosovo oder Bildungsbauten in China arbeitet das Büro heute in sehr unterschiedlichen kulturellen und klimatischen Kontexten. Welche Herausforderung sehen Sie für die nächsten Jahre als die entscheidende – und welche Kompetenz muss eine Architektengeneration mitbringen, die Ihr Lebenswerk in einem globalisierten, zugleich zunehmend lokal verpflichteten Baugeschehen weiterführen soll?
Die Bauherren in anderen Ländern sind aufgrund unserer Arbeit und unserer Projekte hier in Deutschland auf uns aufmerksam geworden. Sie haben uns dadurch zu Wettbewerben eingeladen, an denen wir in der Folge teilgenommen haben. Man muss in der Lage sein, interessante, außergewöhnliche und neue Konzepte denken zu können, um Entwürfe in überdurchschnittlicher Qualität zu finden und zu entwickeln, die einen in die Lage versetzen, den einen oder anderen Wettbewerb zu gewinnen. Darüber hinaus braucht man noch ein bisschen Glück. Und wenn es nur das Glück ist, dass Bauherrschaften auf uns aufmerksam werden – vielleicht durch eine Veröffentlichung in einer Zeitschrift und einem Buch. Und dass man die Idee findet, die den Bauherren überzeugt. Die internationalen Anforderungen sind besonders. Es ist nötig, sich mit der Kultur eines anderen Landes zu beschäftigen. Mit dem Denken und Fühlen anderer Menschen – zu versuchen, auch kulturelle Gegebenheiten in der Planung und im Bauen aufzunehmen.
Ein schönes Beispiel ist dabei sicherlich die von uns geplante Nationalbibliothek in Riad, die mit dem Gebäudekonzept, aber auch mit der Segelfassade kulturell verankerte Gedanken aufnimmt und einbezieht.
Oder aber das Einfühlen in das Adem Jashari Memorial (wa-2038508). Das Verstehen des damaligen Geschehens im Kosovo und der Versuch, dies auch baulich im Sinne des Empfindens der dortigen Bevölkerung in Architektur zu fassen.
Uns hat sicherlich der immer wieder formulierte Ansatz geholfen, eine enge Verknüpfung von Gebäude und Landschaft herzustellen. Ein Ansatz, der unsere Arbeit besonders auszeichnet. Die Stadthalle Hagen 1981 (wa-2034451) und das 2. Bildungszentrum in Münster 1987 sind da sicherlich entscheidende Beispiele, aber auch die Bibliothek in Göttingen (wa-2000182) mit ihrer Verzahnung zwischen Gebäude und Landschaft. Die hat uns übrigens die Einladung für den Wettbewerb der Nationalbibliothek in Riad eingebracht hat.

wa Titel mit der Bibliothek Göttingen

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Man muss also sehr viel arbeiten, den Mut nicht verlieren – auch wenn mehr Wettbewerbsentwürfe verloren gehen als gewonnen werden. Und besondere Kompetenzen entwickeln – nicht mit einem Alleinstellungsmerkmal, aber immerhin mit einem besonderen Merkmal, wie zum Beispiel bei uns dem Verknüpfen von Gebäude und Landschaft. Was auch dazu geführt hat, eben nicht nur Architektenarbeit, sondern auch Planungen für die Landschaft zu betreiben.
Ja, welche Kompetenz muss eine Architektengeneration mitbringen, um in der Zukunft zu bestehen? Es ist die Fähigkeit des klaren Denkens, des unermüdlichen Einsatzes, aber auch die Fähigkeit, Neues zu finden und zu denken, und das auch immer wieder im Rahmen der Möglichkeiten des am Ende praktischen Bauens. Dabei ist natürlich die Beschäftigung mit den globalen Problemen unserer Welt wichtig und notwendig, beispielsweise die Auseinandersetzung mit den klimatischen Fragen; ebenso der Umgang mit den Ressourcen und den erneuerbaren Energien. Und es hat viel mit Ökologie und Begrünung zu tun.
Die Herausforderungen für die nächsten Jahre sind wie heute und wie gestern – nur ein bisschen komplexer.

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