Nachhaltiges Bauen kostet nicht zwangsläufig mehr – diese Annahme hält einer belastbaren Kostenbetrachtung nicht stand. Entscheidend ist vielmehr ganzheitliches Planen: Qualität, Ressourcenschonung und Klimaschutz von Beginn an mitzudenken, statt kurzfristige Einsparungen in spätere Sanierungs- und Anpassungskosten zu verlagern. Gute Architektur ist damit eine Investition in Wertbeständigkeit, Anpassungsfähigkeit und die Zukunft unserer gebauten Umwelt.
Nachhaltiges Bauen führt zwangsläufig zu Mehrkosten. Diese Behauptung hält sich seit Jahren hartnäckig und wird von Kritikern wie Skeptikern befeuert. Was fehlt, sind belastbare Belege für diese pauschalen Mehrkosten. Im Gegenteil: Die Auswertung der Kosten, die uns im Rahmen der Gebäudezertifizierung vorliegen, zeigt, dass nachhaltiges und klimaschonendes Bauen nicht zwangsläufig teurer sein muss. Auch bei erfahrenen Unternehmen der Branche stößt die pauschale Gleichsetzung von Nachhaltigkeit und Mehrkosten auf Unverständnis.
Außer Frage steht, dass eine durchdachte Planung und eine hohe Bauqualität zunächst kostenintensiver sind als jene „Wegwerfarchitektur“, die sich in den vergangenen Jahrzehnten etabliert hat. Der vermeintliche Kostenvorteil dieses rein profitgetriebenen Handelns rächt sich aber bereits nach wenigen Jahren: Gebäude werden zu teuren Sanierungsfällen, lassen sich aufgrund mangelnder planerischer Weitsicht kaum umnutzen und hinterlassen vielerorts ein erschreckend austauschbares Stadtbild. Was kurzfristig günstig erscheint, wird langfristig teuer. Die entscheidende Frage lautet also nicht, was Qualität im Bauen kostet, sondern welche Kosten entstehen, wenn wir auf sie verzichten.
Gute Architektur ist eine Investition in die Zukunft. Sie verbindet gestalterische und technische Qualität mit Wertstabilität und Anpassungsfähigkeit. Nachhaltigkeit und Klimaschutz sind dabei keine ergänzenden Aspekte oder gar mögliche Streichpositionen, sondern integraler Bestandteil verantwortungsvollen Planens und Bauens. Der bewusste Umgang mit Ressourcen, die Reduktion von CO2-Emissionen und die Betrachtung des gesamten Lebenszyklus schaffen die Grundlage für eine Architektur, die ökologische Verantwortung mit gestalterischem Anspruch und wirtschaftlicher Vernunft vereint. Erst dieses ganzheitliche Denken führt dazu, dass Gebäude und Freiräume den Anforderungen unserer schnelllebigen Zeit auf Dauer standhalten. So schaffen wir Werte, die über Generationen hinweg sowohl ökologisch und ökonomisch als auch gesellschaftlich Bestand haben. Das ist es doch, wofür wir als Planende und Gestaltende einmal angetreten sind.
Um dazu auch künftig in der Lage zu sein, liegt es in der Verantwortung jedes Einzelnen, sich den Herausforderungen der heutigen Zeit zu stellen und sich fortzubilden. Dabei geht es nicht darum, jedes Detail selbst zu beherrschen – dafür sind die Themen zu komplex. Entscheidend ist, eine klare Haltung zu entwickeln, relevante Regularien zu kennen, politische Entwicklungen einordnen zu können und Instrumente wie die Ökobilanzierung zumindest in ihren Grundzügen zu verstehen. Wer weiß, wovon er spricht, kann bessere Entscheidungen treffen und andere für die Möglichkeiten und Chancen des nachhaltigen Bauens begeistern. Wer frühzeitig interdisziplinär plant, schafft zudem die Voraussetzungen innerhalb des verfügbaren Kostenrahmens die bestmögliche Lösung zu entwickeln.
Genauso wichtig ist es daher, sich mit den richtigen Partnern zusammenzutun. Denn nachhaltiges Bauen ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Es braucht den Mut, Wissen zu teilen, Gewohntes zu hinterfragen und neue Wege zu gehen. Wie viel Innovationskraft darin steckt, zeigen seit vielen Jahren die Gewinnerprojekte des Deutschen Nachhaltigkeitspreises Architektur. Sie machen deutlich, was möglich ist, wenn Bauherrschaft, Architektur, Fachplanung und ausführende Gewerke eng zusammenarbeiten.
Zum Schluss möchte ich Sie herzlich in unser digitales Museum unter www.dgnb.de/aedes einladen. Grundlage ist die 2025 von der DGNB in der Berliner Galerie Aedes kuratierte Ausstellung „What If: A Change of Perspective“. Sie macht die vielschichtigen Themen des nachhaltigen Bauens anhand gebauter Beispiele und inspirierender Lösungsansätze deutlich und öffnet neue Perspektiven. Vor allem aber soll sie Mut machen, die Zukunft des Bauens aktiv mitzugestalten. Lassen Sie sich inspirieren!
Dr. Christine Lemaitre
Geschäftsführende Vorständin DGNB e.V.




