Das Beste an meinem Beruf ist ...
... die Möglichkeit, Gesellschaft aktiv mitzugestalten. Architektur und Gestaltung schaffen nicht nur physische Räume, sondern prägen auch die Bedingungen unseres Zusammenlebens, unserer Begegnungen und unserer Teilhabe am öffentlichen Leben. Darin liegt für mich gleichermaßen eine große Verantwortung und ein besonderes Potenzial.

Der wichtigste Rat für meine berufliche Karriere war ...
... eine eigenständige Perspektive und eine klare Haltung zu entwickeln und diese auch dann zu vertreten, wenn sie auf Widerspruch stoßen. Gute Architektur erfordert neben gestalterischer Kompetenz vor allem Überzeugung, kritisches Denken und die Bereitschaft, bestehende Konventionen infrage zu stellen.

Erst kürzlich entdeckt habe ich ...
... wie bereichernd es ist, vermeintliche Gewissheiten immer wieder kritisch zu hinterfragen. Gerade in einer Zeit zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung erscheint es mir umso wichtiger, unterschiedliche Perspektiven zuzulassen und die eigene Position immer wieder neu zu reflektieren.

Als Glück empfinde ich ...
... in einer offenen, demokratischen Gesellschaft leben und arbeiten zu können, in der Meinungsfreiheit, Pluralität und die Möglichkeit gesellschaftlicher Mitgestaltung grundlegende Werte darstellen. Dass diese Freiheiten keineswegs selbstverständlich sind, wird uns gegenwärtig besonders deutlich vor Augen geführt.

Gar nicht leiden kann ich ...
... Intoleranz, Autoritarismus, Ausgrenzung und gesellschaftliche Gleichgültigkeit. Ebenso wenig die Vorstellung, Architektur und Gestaltung könnten sich einer gesellschaftlichen und politischen Verantwortung entziehen.

Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass ...
... wir wieder lernen, Unterschiede als Bereicherung zu verstehen und nicht als Bedrohung. Und dass uns mehr verbindet, als die gesellschaftlichen Debatten manchmal vermuten lassen.

Wenn es mal nicht so rund läuft ...
... hilft mir ein Wechsel der Perspektive. Distanz gewinnen, den Dialog suchen und vermeintlich feststehende Positionen neu betrachten. Gerade aus Widersprüchen, Reibungen und unerwarteten Konstellationen entstehen häufig die produktivsten Lösungsansätze.

Zuletzt staunte ich über ...
... den erstaunlichen kulturellen und technologischen Entwicklungsstand bronzezeitlicher Gesellschaften. Und darüber, wie sehr wir dazu neigen, Fortschritt ausschließlich aus der Perspektive unserer eigenen Gegenwart zu betrachten.

Was ich witzig finde ...
... die Skurrilitäten des Alltags und jene unerwarteten Missverständnisse, aus denen plötzlich eine ganz eigene Komik und Leichtigkeit entstehen.

Was ich gar nicht gut kann, ist ...
... Ungerechtigkeit einfach hinnehmen und Selfies machen.

Ich gebe mich gerne der Illusion hin, dass ...
... meine Neugier irgendwann mit den 24 Stunden eines Tages auskommt.

Wenn ich zum Fenster an meinem Arbeitsplatz hinausschaue, sehe ich ...
... immer wieder etwas anderes. Ich wechsle häufig meinen Arbeitsplatz und damit auch meinen Blick auf die Dinge. Dieser Wechsel eröffnet neue Perspektiven – im räumlichen wie im gedanklichen Sinne. Vielleicht ist genau das eine wesentliche Voraussetzung für kreatives und kritisches Denken.

Last but not least:
Sie haben den Wettbewerb
Bildungs- und Erinnerungsort Checkpoint Charlie (wa-2041113) gewonnen. Der historisch bedeutsame, touristisch geprägte Ort an der hochfrequentierten Straßenkreuzung Friedrichstraße/Zimmerstraße soll jetzt in einen zusammenhängenden, dauerhaften Bildungs- und Erinnerungsort umgewandelt werden: Das erfordert nicht nur viel Fingerspitzengefühl, sondern war sicherlich auch eine große Herausforderung in der interdisziplinären Ausrichtung mit Landschaftsarchitekten, Verkehrsplanern, Raumentwicklern (A24 Landschaft Landschaftsarchitektur, Berlin, i.e. agency for design and communication, Zürich, ARGUS Stadt und Verkehr Part., Hamburg?
Eine Aufgabe von dieser historischen, gesellschaftlichen und stadträumlichen Komplexität lässt sich nur in einem transdisziplinären Team angemessen bearbeiten. Unser Team vereint unterschiedliche fachliche Hintergründe, Perspektiven und Herangehensweisen. Gerade diese Heterogenität und der intensive, mitunter auch kontroverse Diskurs haben den Entwurfsprozess wesentlich geprägt und das Ergebnis erst möglich gemacht.
Der Checkpoint Charlie ist für uns weit mehr als ein historisch bedeutsamer Ort. Er steht exemplarisch für die Teilung einer Stadt und einer Gesellschaft, für staatliche Repression, Ausgrenzung und Unfreiheit, aber ebenso für die Überwindung politischer und ideologischer Grenzen. Seine Geschichte verweist zugleich auf die Fragilität demokratischer Ordnungen und die Notwendigkeit, Freiheit und gesellschaftliche Offenheit immer wieder neu zu behaupten. Vor dem Hintergrund gegenwärtiger gesellschaftlicher Entwicklungen erhält diese Auseinandersetzung eine besondere Aktualität.
Im Zentrum unseres Entwurfs stand daher die Frage, wie Architektur, Szenografie und öffentlicher Raum dazu beitragen können, historische Zusammenhänge räumlich erfahrbar zu machen, kollektive Erinnerung zu fördern und zugleich einen offenen Ort des gesellschaftlichen Diskurses zu schaffen.
Es geht darum einen zugänglichen, angemessenen und vielschichtigen Erinnerungsort zu entwickeln, der unterschiedliche historische Perspektiven sichtbar macht, Ambivalenzen zulässt und zur kritischen Auseinandersetzung anregt. Erinnerung verstehen wir dabei nicht als bloße Rekonstruktion oder Bewahrung von Vergangenheit, sondern als einen aktiven gesellschaftlichen Prozess, der immer auch Fragen an unsere Gegenwart und Zukunft richtet.
Die interdisziplinäre Zusammenarbeit war für diese Aufgabenstellung eine grundlegende Voraussetzung. Gerade an einem Ort, an dem historische Bedeutung, touristische Nutzung, städtische Infrastruktur und öffentliche Raumansprüche unmittelbar aufeinandertreffen, müssen Architektur, Landschaftsarchitektur, Szenografie, historische Vermittlung, Verkehrsplanung und Stadtentwicklung als integrale Bestandteile eines gemeinsamen räumlichen und inhaltlichen Konzepts verstanden werden.
Unser Anspruch war es, die bestehenden räumlichen und funktionalen Fragmentierungen zu überwinden und einen zusammenhängenden öffentlichen Bildungs- und Erinnerungsort zu schaffen, der sowohl der historischen Bedeutung des Checkpoint Charlie als auch seiner Rolle im gegenwärtigen urbanen Leben gerecht wird.
Letztlich geht es dabei auch um eine grundsätzliche Frage unserer Disziplin: Welchen Beitrag können Architektur und Gestaltung und die Prozesse, die sie auslösen, leisten, demokratische Werte räumlich erfahrbar zu machen, gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen und eine lebendige, kritische Erinnerungskultur zu fördern?

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Simone Haar | © Annett Landsmann

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‍Simone Haar (Dipl.-Ing.)
ist Partnerin und Leiterin Ausstellungsdesign bei Holzer Kobler Architekturen. Sie studierte Architektur am Politecnico di Milano und an der Technischen Universität Dresden. Seit 2003 arbeitet sie mit Barbara Holzer und Tristan Kobler zusammen.
Ihre Arbeit bewegt sich an der Schnittstelle von Architektur, Szenografie und gesellschaftlichem Diskurs. Im Zentrum steht die Frage, wie Räume Geschichten vermitteln, unterschiedliche Perspektiven eröffnen und gesellschaftliche Auseinandersetzungen anregen können. Architektur und Ausstellungsgestaltung versteht sie dabei nicht allein als gestalterische Disziplinen, sondern als kulturelle Praxis mit gesellschaftlicher Verantwortung.

www.holzerkobler.com