Große Projekte der Landschaftsarchitektur brauchen Zeit – und einen langen Atem. Während Gebäude innerhalb weniger Jahre entstehen, entwickeln sich Freiräume und insbesondere Bäume über Jahrzehnte. Angesichts von Klimawandel, zunehmender Hitze und wachsendem Nutzungsdruck müssen bestehende Parks, Plätze und Stadträume heute neu gedacht und zukunftsfähig weiterentwickelt werden. Wettbewerbe schaffen dabei die Grundlage für visionäre, ganzheitliche Konzepte. Doch wie bewähren sich diese Ideen über die Jahre? Und was können wir aus den Freiräumen lernen, die heute bereits ihre „Reifeprüfung“ bestanden haben?
Die in dieser Ausgabe vorgestellten Wettbewerbe zeigen es: Es gibt sie trotz aller gegenwärtigen Krisen nach wie vor, die großen und ambitionierten Projekte in der Landschaftsarchitektur und bei Platzgestaltungen. Und unmittelbar stellt sich die Frage, wann die schönen Bilder Realität werden? Gebäude kann man in wenigen Jahren bauen. Landschaften und Freiräume, dabei vor allem die Bäume, müssen über viele Jahre und Jahrzehnte wachsen, bis die Räume so wirken, wie Landschaftsarchitekt*in und Bauherr*in sich das vorstellen. Auch ist es mit der Bauphase nicht getan: Freiräume und Grün müssen auf Dauer nicht nur unterhalten und gepflegt, sondern auch weiter entwickelt werden.
Die Entwerfer*innen unserer großen Parks haben sich ehemals die heutige Welt mit ihren Anforderungen und Problemen sicher nicht so vorstellen können. Dennoch funktionieren der Englische Garten in München und die Volksparks in Berlin und Hamburg nach wie vor oder vielleicht sogar besser denn je. Auch die Anlagen der 70er- und 80er-Jahre haben teilweise erst jetzt einen reifen Zustand erreicht. Sie alle sind kühle Oasen und Hotspots der Biodiversität in der dicht bebauten, überhitzten Stadt. Aber sie alle leiden sichtbar unter dem Klimawandel und oftmals auch einem hohen Nutzungsdruck. Sie müssen daher individuell weiterentwickelt und fit für die Zukunft gemacht werden.
In den historischen Stadtzentren herrscht hingegen vielfach noch das Idealbild der steinernen Stadt. Diese wird so ganz und gar nicht mehr den Anforderungen der heutigen Zeit gerecht. Die Stadt München hatte den Mut, für die Ludwigstraße einen großen Wettbewerb auszuloben (wa-2039831), der die Frage stellt, ob diese baumfreie Prachtstraße in Zukunft nicht doch beschattete Bereiche mit hoher Aufenthaltsqualität braucht und wie diese im Kontext des denkmalgeschützten Ensembles aussehen könnten.
In vielen weniger prominenten Quartieren und Randbereichen hat man seit Jahrzehnten, ohne sich der eigentlichen Tragweite bewusst zu sein, eine wirksame Durchgrünung versäumt. Sie fehlt heute schmerzlich. Die nachträgliche Aufwertung und Klimaanpassung gestaltet sich meist äußerst aufwendig. Baumpflanzungen, Wasserrückhaltung und -versickerung sind in unterbauten und mit zahllosen Sparten durchsetzten Bereichen heute um ein vielfaches teurer. Die Mehrheit der Projekte sind auch in der Freiraumplanung heute keine reinen Neuanlagen mehr, sondern Umbauten, die den Bestand einbeziehen. Auch das zeigen die Beiträge in dieser Ausgabe.
Wir brauchen daher gerade in der Freiraumplanung den Mut sehr weit nach vorne zu schauen und Dinge zu veranlassen, die wahrscheinlich erst nachfolgenden Generationen zugute kommen werden. Erst unsere Kinder werden im Schatten der Bäume sitzen können, die wir heute pflanzen.
Freiraumplanerische und städtebauliche Wettbewerbe sind nach wie vor der beste Weg, um ganzheitliche Konzepte zu erschaffen und mit Zukunftsbildern zu überzeugen. Das bedeutet Aufwand und kostet Mühe. Aufwand, der angesichts der Bedeutung und der lang anhaltenden Wirkung aller größeren Projekte durchaus berechtigt und gut investiert ist. Die Institutionen und Regularien, die unser Wettbewerbswesen ausmachen, müssen wir daher dringend erhalten. Angesichts der vielfältigen gegenwärtigen Krisen und der gegenläufigen Tendenzen in Politik und Verwaltung ist das nicht selbstverständlich und muss immer wieder erkämpft werden.
Auch Preise wie die Landschaftsarchitekturpreise des BDLA können ein wichtiges Mittel sein, Projekte nach der Realisierung zu evaluieren, weiter zu befördern und von ihnen zu lernen. Haben sich die Konzepte über die teilweise sehr langen Projektlaufzeiten bewährt? Wie sind die Ideen und Bilder aus der Wettbewerbsphase umgesetzt worden? Bei den Landschaftsarchitekturpreisen des BDLA gibt es deshalb seit Neuestem die Kategorie „Reifeprüfung – Projekte 20 Jahre und älter“.
Oliver Engelmayer
Landschaftsarchitekt bdla, Stadtplaner srl
Mitglied im AK Wettbewerbswesen des BDLA
Vorstandsmitglied bdla Landesverband Bayern



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