Silent Spring und Red Autumn
Der Architekturwettbewerb im Überlebenskampf

Funktional ausgestorben
Wenn in der Natur von einer Tierart nur noch zwei Exemplare existieren – selbst wenn es sich um ein männliches und ein weibliches Tier handelt –, gilt sie als funktional ausgestorben. Die Population ist so stark geschrumpft, dass ihre Erholung kaum mehr möglich ist. Zu gering ist die genetische Vielfalt, zu groß das Risiko durch Alter, Krankheit oder fehlende Kompatibilität.
In der Biologie würde man sagen: Die Art ist taxonomisch noch nicht, aber funktional ausgestorben. Und doch bleibt Hoffnung – durch neue Erkenntnisse, durch Kreativität, durch menschliches Handeln.
Einen weiteren Bezug zur Natur zog Manuel Aust, der in seiner Eröffnung über die Zusammenhänge der ikonischen Pflanzenfotografien von Karl Blossfeldt und dem Entwerfen von Architektur sprach. So führte er aus: „Jede einzelne der heute so ikonisch anmutenden Aufnahmen ist das Ergebnis von vorangegangenen Studien – zu den Pflanzen und deren diversen Zuständen selbst wie auch der Möglichkeiten ihrer Präsentation.“ Und weiter: „Insofern ist die Arbeit von Karl Blossfeldt durchaus mit der von entwerfenden Architektinnen und Stadtplanern vergleichbar. Zum anderen lässt erst die Gesamtschau der einzelnen, auf so sachlich-neutrale Weise abgebildeten Pflanzen ihre jeweils eigenständigen Qualitäten im direkten Nebeneinander so klar erkennen.“ (Manuel Aust, 17.10.2025, Erfurt)


Thüringen und das Verschwinden des Wettbewerbs
Im Flächenland Thüringen fanden im Jahr 2024 lediglich eine Handvoll Architekturwettbewerbe statt, darunter Zschochern, Gera (wa-2038496), Ausstellungshaus Welt der Versuchungen, Erfurt (wa-2038190), Generalsanierung Deutsches Nationaltheater Weimar (wa-2037386). Man könnte – in Anlehnung an das biologische Bild – auch hier von einem funktionalen Aussterben sprechen.
Denn selbst bei größeren Bauvorhaben scheint der Wettbewerb vielen Bauherren nicht mehr als das geeignete Werkzeug aus der Toolbox zu gelten. Trotz der Empfehlung der RPW 2013 werden häufig das reine VGV-Verfahren oder Direktvergaben bevorzugt – pragmatischer, vermeintlich schneller, weniger aufwendig.

Der Wettbewerb – vor allem der offene – schafft Räume, in denen junge Büros ihre Ideen sichtbar machen können. Er fördert Vielfalt, Perspektive, Reibung.

Verlust an Vielfalt
Fehlt in der Biologie die genetische Vielfalt, fehlt im Bauwesen zunehmend die gestalterische. Der Wettbewerb – v. a. der offene – schafft Räume, in denen junge Büros ihre Ideen sichtbar machen können. Er fördert Vielfalt, Perspektive, Reibung.
Ohne ihn droht eine Gleichförmigkeit, die man bereits aus anderen Bereichen kennt: das Verschwinden des individuellen Einzelhandels zugunsten großer Plattformen und das Erstarken von Monopolisten. Auch hier zeigt sich, dass Größe nicht zwingend mit Qualität gleichzusetzen ist. Vielmehr vermag – wie in den anderen genannten Bereichen – der Wettbewerb, die Architektur zu einer qualitätvollen Wertschöpfung vor Ort zu führen und so die Bedeutung des Bauens in das Bewusstsein der Menschen zu tragen.
Die Sorge besteht, dass mit dem Sterben einer Form der Vergabe die Vielfalt der Ideen mit ihr stirbt – und dass die Bevölkerung ihr Recht auf Teilhabe verliert.


Eine Bewegung formiert sich
Die Gründung des Bündnisses
Aus dieser Entwicklung heraus entstand in Thüringen das Bündnis für Qualität – eine Initiative, die nicht schulmeisterhaft bemängeln, sondern aufklären will. Sie versteht sich als Impulsgeber, nicht als Mahner. Ziel ist es, auf den drohenden Verlust der Wettbewerbslandschaft hinzuweisen und für das Verfahren als Werkzeug qualitätsvoller Baukultur einzutreten.
Wie Rachel Carson einst mit Silent Spring das ökologische Bewusstsein prägte, soll das Bündnis einen Wendepunkt markieren – hin zu mehr Bewusstsein für Qualität, Transparenz und Vielfalt im Planen und Bauen.

Die Initiatoren
Die Gründer Manuel Aust und Jonas Kern sehen ihre Aufgabe darin, den Dialog mit Kommunen, Gemeinden, Ländern und dem Bund zu suchen. Es gehe, so betonen sie, nicht um Schuldzuweisungen oder Belehrungen, sondern um Austausch, Verständnis und Unterstützung. Ziel sei es, Vertrauen in das Wettbewerbsverfahren zurückzugewinnen und Hürden abzubauen, die viele Bauherren noch abschrecken.

Das Manifest
Im Manifest des Bündnisses heißt es: „Der Wettbewerb wird zur Regel, die Ausnahme wird begründet. Jede gestaltprägende Maßnahme von Land, Kommunen und ihren Gesellschaften sowie von gemeinwohlorientierten Institutionen wird in einem transparenten Verfahren ausgelobt, das die berufsständischen Kammern als qualitätssichernde Organe einbindet, Entscheidungen nachvollziehbar dokumentiert und offenlegt. Aufgabenstellung, Bewertungskriterien und Jurybegründung gehören ins Licht der Öffentlichkeit; Ausstellungen, digitale Präsentationen und Bürgerdialoge werden Teil des Prozesses.“

„Nun gilt es, bundesweit Unterstützer zu finden, um das entstandene Momentum zu halten. Denn es besteht Hoffnung, dass (...) der Wettbewerb nicht zum Dodo der Vergabeverfahren wird.“

Ausblick
Zwischen Dodo und Hoffnung

Der Wettbewerb ist nicht ausgestorben – weder funktional noch taxonomisch. Doch er steht auf der Roten Liste. Es braucht Einsatz, Fürsorge und Hingabe, um ihn nicht zu verlieren.
Wie so oft hängt Erfolg von der Bündelung von Erfahrung, Wissen und Energie ab. Genau das hat sich das Bündnis für Qualität vorgenommen – und die Resonanz zeigt Wirkung.
Der Zuspruch wächst, auch über Thüringen hinaus. Es gab bereits ähnliche Initiativen, doch vieles deutet darauf hin, dass sich hier etwas Formendes entwickelt hat – eine Bewegung, die es wert ist, unterstützt zu werden, um nicht im Klein-Klein des föderalen Alltags zu versanden. Der hohe Wert des Engagements zeigt sich auch in der Unterstützung der Architektenkammer, des BDA und der Stiftung für Baukultur Thüringen so- wie weiterer bundesweiter, unterstützungsbereiter Bauschaffender.
Nun gilt es, bundesweit Unterstützer zu finden, um das entstandene Momentum zu halten. Denn es besteht Hoffnung, dass die Architektur nicht ihren Silent Spring in einer Zeit des Um- und Neudenkens erlebt – und der Wettbewerb nicht zum Dodo der Vergabeverfahren wird.

WER das Bündnis ist
Ein Zusammenschluss engagierter Akteurinnen und Akteure aus Planung, Verwaltung, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft, die gemeinsam an besseren Vergabe- und Projektprozessen arbeiten.

WAS das Bündnis will (Ziele)
• Vergabe transparent, fair und qualitätsorientiert gestalten
• Gute Rahmenbedingungen für Planungs- und Baukultur stärken
• Praxisnahe Standards, Austausch und konkrete Verbesserungen in Verfahren voranbringen

WIE man mitmachen kann
• Mitdiskutieren und Themen einbringen
• An Arbeitsformaten und Veranstaltungen teilnehmen
• Netzwerkpartner werden und Informationen weitertragen
• Kontakt aufnehmen (Mail/Website/Social Media des Bündnisses)

Kommende Veranstaltungen
• BDA Tag – Juni 2026 in Wuppertal
• Vergabetag Thüringen 2026
• Werkstattlabor „Wettbewerbe“ – Ende 2026 in Apolda