März 2026 | Univ.-Prof. Stephan Birk
Lieber Christoph,
Bei einer Klausurtagung des Arbeitskreises Junger Architektinnen und Architekten im BDA warst du 2014 gemeinsam mit Arno Lederer nach Zwenkau eingeladen, um mit uns „Jungen“ über die Beständigkeit von Schönheit anhand eurer jeweiligen Erstlingswerke zu diskutieren. In Erinnerung geblieben sind mir vor allem Deine Offenheit und Deine Sorge, wir könnten Dich möglicherweise missverstehen …
Daran möchte ich anknüpfen. Architektur lässt sich – anders als persönliche Merkmale oder Kleidung – sachlich und öffentlich kritisieren. Sie ist per Definition Teil des gebauten, gemeinsam genutzten Raums. Bauwerke wirken dauerhaft auf Gesellschaft, Städtebau, Umwelt und Kultur; ihre Qualität besitzt somit eine unbestreitbare öffentliche Relevanz. Architektur darf – ja, sie muss – kritisiert werden, selbst wenn sie sich in „Äußerlichkeiten“ manifestiert. Hilfreich ist dabei die klare Trennung zwischen Haltung und Qualität: Erstere ist subjektiv und durchaus diskussions würdig, Letztere hingegen beruht auf Kriterien wie Proportion, Raumzuschnitt, Materialwahl und -umgang, Funktionalität oder städtebaulicher Einbindung. Diesen Diskurs pflegen wir im BDA.
Diese Unterscheidung ist zentral: Wir kritisieren nicht die Architektin oder den Architekten als Person, sondern das Bauwerk als Beitrag zur Baukultur – oder eben als verpasste Chance. Auch wenn sich die Diskussion heute längst nicht mehr nur um Schönheit dreht, gilt: Beständigkeit schadet ihr weiterhin nicht.
Ganz anders verhält es sich jedoch mit dem Aussehen oder der Kleidung von Kolleginnen und Kollegen. Diese gehören zur persönlichen Sphäre, entfalten keinerlei stadtbaukünstlerische Relevanz und entziehen sich objektiver Kriterien. Eine öffentliche Kritik daran wirkt befremdlich und vor allem: überflüssig, mitunter verletzend. Zumal die Beständigkeit der Schönheit von Kleidungsstücken gemeinhin eine deutlich kürzere Halbwertszeit aufweist als die von Häusern – und das ist vermutlich auch gut so.
In diesem Sinne, lieber Christoph, hättest Du Dir Teile des Interviews mit der Zeitschrift wettbewerbe aktuell auch sparen können. Oder – um es mit den Worten des großartigen Ted Lasso auszudrücken: „Be curious –not judgemental.“.
Kollegiale Grüße,
Univ.-Prof. StephanBirk, Architekt BDA

Stephan Birk wurde 2015 als Universitätsprofessor an die Technische Universität Kaiserslautern berufen. Seit 2021 leitet er den Lehrstuhl für Architektur und Holzbau an der Technischen Universität München und ist Mitglied der Forschungsgruppe TUM.wood




