Anlage für afrikanische Menschenaffen, Wilhelma Stuttgart

Architekten wird zugesagt, dass sie von nichts Ahnung haben, aber alles erklären können. In diesem Sinn sind wir immer wieder kühn oder naiv genug, uns für Aufgaben zu bewerben, von denen wir keine Ahnung haben, so auch 2006 für den Neubau des Menschenaffenhauses der Wilhelma in Stuttgart. Die Zugangshürden waren hoch, keine Ahnung wie wir sie schafften, vielleicht weil wir gerade in Stuttgart das Kunstmuseum (wa-2003039) fertiggestellt hatten und dadurch bekannt waren. Zooerfahrung hatten wir jedenfalls keine, dennoch waren wir in unseren ersten Zoo-Wettbewerb gerutscht, und ich kehrte für das Kolloquium zurück an einen Ort meiner Kindheit. Der botanische und zoologische Garten der Stadt Stuttgart ist in dieser Kombination einzigartig in Deutschland. Unzählige Male haben wir als Kinder in Begleitung von Eltern, Tanten oder Omas die Tiere und Pflanzen der Wilhelma bestaunt und dabei den gefühlt unendlich großen Garten durchwandert. Ein hügeliger Garten, der auch deshalb so groß erschien, weil er unmittelbar an den geschützten Rosensteinpark angrenzt und mit ihm zusammenwächst.
Schwach gerüstet mit etwas Wissen aus der Auslobung und großer Freude auf ein Wiedersehen mit der Wilhelma ging es zum Kolloquium. Dort wurde viel geredet über Fakten, Anforderungen, Zahlen, Zwänge, Wünsche und dann ging es raus aufs Gelände. Der riesige Garten aus der Kindheit schrumpfte unter den Schritten des Erwachsenen auf überschaubare Dimensionen zusammen, und dann standen wir vor dem Bauplatz, der letzten grünen Wiese, die nun auch noch mit dem Affenhaus bebaut werden sollte – niemals!

© Hugo Jehle, Stuttgart


In diesem Moment war der Gedanke geboren, dort kein Haus zu bauen, aber wohin mit den Affen?
Die Idee, das Haus verschwinden und den Park möglichst unangetastet zu lassen, hat sich gehalten. Die großen Eichen sollten stehen bleiben und die Baumasse sollte der Idee folgend unter einem grünen Hügel verschwinden. Wir haben diese Verwerfung der Landschaft „Bergrücken“ genannt. Darunter verbergen sich zwei Beton-Schalen, die um die alten Eichen herum, s-förmig gegeneinander gestellt sind. Die höhere Schale für die Bonobos, die flachere für die Gorillas. Der jeweils flach geneigte Teil der Schalen sollte begrünt und die steil geneigte Seite verglast werden. Dieses Konzept war auch deshalb praktisch, weil so das große Flächenprogramm leichter auf das Grundstück passte, denn auf dem Dach der Bonobo-Schale konnte deren ausgedehntes Freigehege platziert werden.
Die Jury hat zwei Sieger prämiert, Auer und Weber aus Stuttgart und uns. Nun ging es in die Überarbeitung. Mehr Tageslicht für die Affen war eine Hauptforderung, die wir durch zusätzliche Oberlichter im Bergrücken umsetzten. Es half, wir bekamen den Auftrag.
Während der Planung und Realisierung haben wir dann viel über Menschen und Affen gelernt, über Alpha-Männchen, über Konfliktbewältigung und dass das Genom des Gorilla-Männchen zu dem des männlichen Menschen ähnlicher ist, als das zwischen Mann und Frau bei Menschen (was manches erklärt). Und während wir über die verblüffenden Ähnlichkeiten staunten, entdeckten wir das Great Ape Project, welches u.a. Menschenrechte für Menschenaffen fordert. Unglaublich! Beobachtet man Menschenaffen und Menschen, stellt sich aber tatsächlich die Frage, warum die einen vor und die anderen hinterm Panzerglas stehen.
Wenn heute Kinder mit ihren Eltern die Wilhelma besuchen, freuen wir uns, dass sie fröhlich staunend durch das Haus rennen, kreischend wie die Affen. Dass sie zwischen den Pflanzen durch das Panzerglas sehen, beobachten und lernen, dass da gegenüber jemand steht, der uns sehr ähnlich ist. Jeder Einzelne, dies- und jenseits des Glases, hat eine Persönlichkeit, die Respekt und Achtung verdient. Vielleicht ist auch diese Unmittelbarkeit der Begegnung ein Grund dafür, dass das Menschenaffenhaus ein Publikumsmagnet geworden ist.
Die wunderbare Fähigkeit des Menschen, lebenslang lernen zu können, ermöglicht uns Architekten Dinge zu tun, von denen wir keine Ahnung haben, und das macht uns immer wieder Spaß!


Prof. Sebastian Jehle im März 2023

Abb. links: HASCHER JEHLE Architektur | © Ulf Müller, Berlin
hintere Reihe von links nach rechts:
Fleur Keller, Markus Häffner, Jens-Peter Riepen  
vordere Reihe von links nach rechts:
Prof. Sebastian Jehle, Thomas Kramps

Sebastian Jehle                                                                                        

Sebastian Jehle studierte in London und Stuttgart und schloss sein
Diplom 1992 an der Universität Stuttgart ab. 1988-1989 sammelte er erste Praxiserfahrungen im Büro Behnisch & Partner und arbeitete 1992 als freier Mitarbeiter im Büro Prof. Dieter Herrmann und Knut Lohrer.
Anschließend gründete er 1993 in Partnerschaft mit Rainer Hascher das gemeinsame Büro HASCHER JEHLE Architektur. Seit 2004 ist er
Professor für Baukonstruktion und Entwerfen an der HFT Stuttgart.