Eine zeitreise mit Prof. Ulrike Lauber
Das Konzept, das gesucht wurde, gab es noch nicht. „Erlebnis- und Auslieferungszentrum“: Unter diesem Arbeitstitel hat die BMW AG in Abstimmung mit der Landeshauptstadt München vor genau 20 Jahren einen beschränkt offenen Realisierungswettbewerb mit vorgeschaltetem offenen Bewerbungsverfahren ausgelobt. Hinter dem spröden Namen versteckte sich eine einzigartige Bauaufgabe: Zwischen dem berühmten Olympiapark, den Bauten des Olympischen Dorfes und dem stadtbildprägenden BMW-Vierzylinder sollte eine Inszenierung der Welt des Autos stattfinden, eine kombinierte Ausstellungs-, Auslieferungs-, Erlebnis-, Museums- und Eventstätte. Erwartet wurde nicht weniger als eine weitere Ikone der Architektur und damit eine Überhöhung der Marke BMW, parallel zum Designauftritt der 7er-Reihe. Auch die Stadt wollte ein Highlight an dieser bedeutenden Stelle am vielbefahrenen Mittleren Ring, wo die Solitäre wie eine Ansammlung von gebauten Dinosauriern nur so aufgereiht sind und nach Norden der Übergang über eine
bestehende Parkpalette und den U-Bahn-Eingang hinein ins Gewerbegebiet in Milbertshofen bis hin zu den Wohnhochhäusern des Olympischen Dorfes geschafft werden musste.
Das Wettbewerbsverfahren war aufregend: 275 Büros hatten sich beworben, 27 Büros wurden ausgewählt, darunter große internationale Namen wie Fuksas, Perrault, MVRDV, Snøhetta oder Vasconi mit zum Teil hochinteressanten herausragenden Entwürfen. Acht Konzepte kamen anonym in die 2. Phase, aus denen vier Preise hervorgingen.
Die Teilnehmer, die an ein modernes und großes, also eher normales Gebäude dachten, die eine ablesbare und halbwegs bekannte Struktur suchten, die sich maßstäblich und respektvoll in das bedeutende Umfeld einfügen wollten, trafen eher nicht die Intention der Bauherren, auch nicht die der Stadt: Sie hatten nicht das Zeug zur Ikone.
Den 4. Preis erhielt Morphosis Architects, Santa Monica, mit einer südkalifornischen Collage von Scheiben, Technik und baulichen Strukturen. Eine technoide, splittrige Skulptur, inszenierte Bewegung in einer hochkomplexen Gebäudestruktur mit starker städtebaulicher Prägnanz – und der Frage, ob dies nun für München und für BMW das Richtige wäre.
Das Projekt von Zaha Hadid spaltete nicht nur das Gebäude mit einem durchlaufenden spekta- kulären Canyon und extremen und spannungsvollen Raumsituationen in zwei Teile, auch das Preisgericht war zwiegespalten ob der Herausforderungen des Entwurfes. Das Konzept war schwer zu durchdringen, die skulpturale Wirkung des Raumes aber hat fasziniert. Eine kaum erreichbare Flexibilität trug letzten Endes mit dazu bei, dass es nur der 3. Preis wurde, trotz der faszinierenden Raumskulptur.
Die Arbeiten von Sauerbruch Hutton und von COOP HIMMELB(L)AU kamen in die Endauswahl und mussten beide überarbeiten; sie konnten unterschiedlicher kaum sein.
Auf der einen Seite drei einzelne pavillonartige Gebäude von Sauerbruch Hutton, die unter einem großen Dach vereint einen zentralen Platz mit Durchwegung in den Mittelpunkt ihres Konzepts stellten. Ein attraktiver und öffentlicher Raum, ein begehbares Ensemble, sehr schön vernetzt mit dem Areal des Olympiaparks. Etwas flach, sodass kein kräftiger Rücken zum Olympischen Dorf entstehen konnte, aber schwungvoll und leicht in der Anmutung, einladend. Ein großartiges Konzept, urban und offen, vielleicht nicht spektakulär genug.
Auf der anderen Seite von COOP HIMMELB(L)AU der große „Marktplatz unter einem weiten Dach”, unter einer „Clean Energy Cloud”, einer filigran und leicht konzipierten transluzenten Dach-Wolke mit höchsten technischen und konstruktiven Ansprüchen: die Sichtbarmachung von Visionärem. Ein starkes inneres Forum in der großen durchlässigen Halle mit öffentlichen Nutzungen und Restaurants. Alles wurde um das Auto, um das Herzstück, die Fahrzeugübergabe, inszeniert. Der Entwurf überhöhte dieses Ereignis und leistet eine ausgeprägte Identifikation mit den Ideen der BMW-Group: Der gesamte BMW Kosmos wird live an Ort und Stelle dramatisch inszeniert und erlebbar. Die über allem schwebende skulpturale Wolke erschien so leicht, so neu, und der dem gesamten Bau prominent vorgelagerte Doppelkegel sollte ein markantes städtebauliches und technologisches Zeichen setzen: Er sollte mit der „Clean Energy Cloud” einen großen Schritt der Innovation zur solarbasierten Wasserstofftechnik verkörpern und umsetzen. Heute steht die Wasserstofftechnik im Fokus einer ökologischen Mobilitätsdiskussion. Das Konzept war der Zeit weit voraus – und wurde doch nur mit den Solarkollektoren auf dem Dach umgesetzt.
Der Entwurf von COOP HIMMELB(L)AU wurde zur Realisierung empfohlen und in sechs Jahren realisiert. Er traf auf einen einmalig günstigen Moment des Wandels und der mutigen Innovationsbereitschaft von BMW und wäre heute so wahrscheinlich nicht mehr erfolgreich. Doch ist das Gebäude seit vielen Jahren die meistbesuchte touristische Attraktion Bayerns – noch vor dem Schloss Neuschwanstein.
Und BMW hat mit diesem Wettbewerbsverfahren nach anfänglicher Skepsis die Vorteile dieses Planungsinstrumentes erkannt. Direkt danach haben sie den Wettbewerb für das Zentralgebäude des BMW-Werks in Leipzig durchgeführt. 1. Preis und Realisierung: Zaha Hadid.
zeitreise in wa 3/2021

Prof. Ulrike Lauber | Lauber Sattmann blank architekten, München
Geb. 1955 in Biedenkopf, Hessen, Architekturstudium an der TU Berlin
Nach ersten Anstellungen in Berlin zog sie 1985 nach New York und arbeitete vier Jahre im Büro Richard Meier, in den letzten beiden Jahren als Associate Partner und Projektleiterin
1990 Bürogründung in München (lauber + wöhr architekten, jetzt lauber, zottmann, blank architekten).
Nach Wettbewerbsgewinnen realisierte sie verschiedene Projekte u.a. in München, Berlin und Frankfurt, z.B. drei Gebäude am Potsdamer Platz in Berlin
Von 1999 bis 2020 Professorin für Entwerfen und Städtebau an der Beuth Hochschule für Technik in Berlin
Sie ist vielfaches Mitglied in Preisgerichten und in Gestaltungsbeiräten und leidenschaftliche Fotografin.